
«es ist in ordnung, nicht in ordnung zu sein.»
2021 erlitt ich eine schwere depression und verbrachte zwei monate im psychiatriezentrum münsingen. seither ist die krankheit meine begleiterin. nach einigem auf und ab wurde mir klar: es geht nicht mehr darum, die krankheit loszuwerden – es geht darum, mit oder trotz ihr ein erfülltes leben zu führen. das versuche ich jeden einzelnen tag – und hier schildere ich erlebnisse und eindrücke.

was ist mit mir los?
angefangen hat alles mit schlimmen panikattacken im mai 2021 – aus dem nichts: herzrasen, atemnot, todesangst. nach und nach kamen eine tiefdunkle melancholie, weinkrämpfe, massive schlafstörungen, angstzustände und die unfähigkeit zu sozialen kontakten dazu. ausserdem konnte ich mich auf gar nichts mehr konzentrieren, meine aufnahmefähigkeit war bei null und ich war hoffnungslos überreizt. und: ich hatte keine ahnung, was da bei mir gerade abgeht.
meine rettung: das PZM
irgendwann ging gar nichts mehr. ich hatte glück und fand einen platz im psychiatriezentrum münsingen. wenn meine frau und das PZM nicht gewesen wären, wäre ich nicht mehr da. in der station IDM (integrierte depressionsbehandlung) erhielt ich die hilfe, die ich brauchte. insgesamt 2 monate verbrachte ich dort. bis heute verspüre ich gegenüber dem PZM und seinen mitarbeitenden eine grosse dankbarkeit.


meine grosse stütze: der tagesplan
in der klinik spürte ich schnell: ich brauche eine klare tagesstruktur. ich erstellte für jeden tag einen detaillierten plan – sozusagen «füfminütele». und jedesmal, wenn ich einen punkt erledigt hatte, hakte ich ihn ab. das hatte für mich 2 auswirkungen: ich konnte den tag ausfüllen – und hatte immer wieder kleine erfolgserlebnisse. da meine kognitiven fähigkeiten durch die krankheit sehr eingeschränkt waren, benötigte ich für das erstellen des plans oft mehr als eine stunde.
meine therapie
«eine depression ist nicht unbedingt heilbar, aber sie kann gut behandelt werden», sagte meine psychologin im PZM. meine therapie umfasste einzel- und gruppengespräche, psychopharmaka, mal- und musiktherapie, yoga, mbsr und dergleichen mehr. es hat eindeutig geholfen. das wichtigste war aber: ich musste die krankheit akzeptieren und entwickelte den willen, mich meinem leben zu stellen und veränderungen zuzulassen. daran arbeite ich stetig weiter – und ich bin auch weiterhin in behandlung.


antidepressiva: soll ich, oder soll ich nicht?
oft tun sich betroffene mit antidepressiva schwer, weil sie angst vor einer wesensveränderung haben. jedes muss für sich entscheiden, ob es medikamentöse unterstützung in anspruch nehmen will. ich persönlich habe eine offene und positive haltung gegenüber psychopharmaka. ich weiss heute: ohne sie hätte ich es nicht geschafft. und ich finde, ich bin wegen der pillen nicht im zombie-modus unterwegs. im gegenteil: sie helfen mir, allen situationen des lebens begegnen zu können – übrigens bis heute.
erfahrungen weitergeben
seit 2023 darf ich meine erfahrungen als betroffener einige male pro jahr weitergeben. im psychiatriezentrum münsingen besuche ich die station IDM – genau dort, wo ich selbst 2 monate als patient war. ich halte dort bei den aktuellen patient*innen einen vortrag und erzähle über meinen weg mit der depression. eine aufgabe, die mich mit stolz erfüllt. und zugegeben: ich therapiere mich damit jedes mal auch ein bisschen selbst.


austausch mit anderen betroffenen
selbsthilfegruppen sind gold wert. ich tausche mich regelmässig mit anderen betroffenen aus – in der onlinegruppe SHFPG.CH. mit menschen zu sprechen, die aus eigener erfahrung haargenau wissen, wie es in mir aussieht, ist bereichernd und wertvoll. in der gruppe weinen wir uns nicht einfach gegenseitig ins gilettäschli und bedauern uns selbst: der austausch ist konstruktiv, und ab und zu dürfen wir auch eine*r gastreferent*in zuhören. SHFPG ist übrigens nach wie vor offen für neue menschen.
was tut mir gut?
eine depression ist eine schwere, vielschichtige krankheit. deshalb sind auch die behandlungsschritte zum teil hoch wissenschaftlich. ich habe aber für mich gemerkt, dass mir auch die einfachen dinge gut tun und helfen. zum beispiel: ein spaziergang im wald. die reine luft, das zwitschern der vögel, das rascheln des laubes beim gehen, die wunderbare stille – einfach grandios. ich habe nun wirklich keine esoterische ader – aber ich bin überzeugt davon, dass der wald mir kraft gibt. das scheint sogar wissenschaftlich erwiesen zu sein: Wissenschaft und Waldbaden | MINDFULMIND.


der schwarze hund
es fällt schwer, eine depression und deren verlauf zu erklären. ich verstehe sie ja selbst nicht so richtig. da hilft eine stark bildlich geprägte sprache. matthew johnstone ist ein betroffener, der seine geschichte in einem buch verarbeitet hat. das video dazu zeigt meines erachtens eindrücklich auf, mit welch hinterhältiger krankheit wir es zu tun haben: Mein schwarzer Hund.
